Title: Weil Vielfalt das Normale wird
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Weil Vielfalt das Normale wird

Inklusion bleibt ein Wort, das Fragezeichen nach sich zieht

Wenige Stunden nach Verabschiedung des Inklusions-Gesetzes im Landtag stellte sich Bildungsminister Ulrich Commerçon in Saarlouis einer Podiums-Diskussion. Tenor: Inklusion braucht einen sehr langen Atem. Und: Es geht nicht nur um die Schule, sondern die ganze Gesellschaft.

Von SZ-Redakteur Johannes Werres, Beitrag vom 28.6.2014

Saarlouis.

Künftig soll jedes Kind an einer Regelschule angemeldet werden können, auch wenn es eine Behinderung mitbringt. Das hat der Saarländische Landtag am Mittwoch beschlossen und damit einen Schritt zur Umsetzung einer UN-Konvention getan. „Inklusion“ heißt sie.

Alle Kinder sollen an Bildung teilhaben können, übersetzte es am Mittwochabend im Haus „Miteinander der Generationen“ Bildungsminister Ulrich Commerçon. Der Prozess der Inklusion werde aber sehr lange brauchen, wohl eine Generation. Und das Land könne nicht ab sofort alles bereit stellen, was zu diesem Prozess gehört. Das wurde in der Diskussion deutlich.

Inklusion betreffe letztlich nicht speziell behinderte Kinder, sondern alle, erklärte Commerçon. Der Inklusions-Prozess reagiere auf eine radikale Veränderung der Gesellschaft. Sie sei „heterogener“, also vielfältiger geworden. Kinder unterscheiden sich danach so viel mehr voneinander als bisher, dass anders zu sein das Normale geworden ist.

In der Schule solle Inklusion allen Kindern in aller Verschiedenheit „Teilhabe an Bildung“ garantieren. Heterogenität, die starken Unterschiede ziehen sich als neues Merkmal durch die Gesellschaft. 60 Prozent der Grundschulkinder, sagte Commerçon, hätten nach derzeitigen Kriterien einen sonderpädagogischen Förderbedarf in der der einen oder anderen Richtung zwischen Nachhilfebedarf und Hochbegabung.

Podium und Publikum im „Miteinander der Generationen“ sahen in der Befähigung der Schulen zur Inklusion die erste Herausforderung. Was damit beginne, Verständnis b ei Schülern und Eltern zu wecken, wie der Leiter der Martin-Luther-King-Schule in Fraulautern, Bernd Schmitz, sagte. Vor allem aber müssen angehende ebenso wie erfahrene Lehrerinne und Lehrer speziell ausgebildet werden: auch Förderlehrer und Erzieher seien nicht auf Inklusion vorbereitet, kritisierte etwa Susanne Fritsch, Leiterin der evangelischen Kindertagesstätte Saarlouis. Commerçon kündigte an, dass Inklusions-Elemente der Grundschullehrer-Ausbildung, bisher Wahlpflichtfächer, künftig verbindlich würden. Wünschen nach einem „Zwei-Pädagogen-System“ (also ein Regelschul- und ein Förderlehrer in jeder Klasse) erteilte der Bildungsminister eine Absage. Nachdenken müsse man hingegen, ob und wie die Mitarbeiterinnen der Arbeitsstellen für Integrationspädagogik/Integrationshilfen (Afi) behinderte Kinder aus den Kitas in den Schulalltag begleiten könnten.

Commerçon verwies weiter auf das neue Landesgesetz, das es Grundschulen erlaube, generell von Noten abzurücken, was ihm sehr sympathisch sei. Er schloss sich Fritsch an, dass Förderbedarf mit einer „Etikettierung“ von Kindern einhergehe, die abgeschafft gehöre.

Die bisherigen Förderschulen indes „werden nicht überflüssig, beide Wege bestehen nebeneinander, das halte ich für richtig und wichtig“, sagte Ute Krebs-Müller, Leiterin der Förderschule für geistige Entwicklung Saarwellingen. Welche Schule für welches Kind, das müsse eine ganz individuelle Entscheidung bleiben.

Ihre Aussage „Inklusion braucht Räume“, teile auch Bernd Schmitz. Alles immer gleichzeitig in einem Klassenraum zu tun, gehe nicht. Viel Resonanz fand auch ihre Warnung, mit Integrationshelfern fehlende Fachpädagogen zu kompensieren.

Zwar verändert sich Schule, indem etwa an der Vogelsangschule in Saarlouis inzwischen mehr pädagogische Mitarbeiter als Lehrer arbeiteten, sagte der dortige Sozialpädagoge Dieter Kirsch. Doch im Schulordnungsgesetz tauche dieses Personal gar nicht auf. Das müsse geändert werden.

Commerçon erwartet, dass Inklusion an Kitas und Schulen auch die Rückfrage an den „intelligenten Einsatz von Ressourcen“ quer durch die Ministerien bedeuten werde.

Mia Thomas unterstrich klar und deutlich: Ihre 13-jährige Mona, das Mädchen ist behindert, habe „eine Chance bekommen“, als sie vor zwei Jahren in die Gemeinschaftsschule Wadgassen kam. Probleme mit anderen Kindern habe sie nicht, dafür habe sie von der Klassengemeinschaft aber enorm in ihrer Entwicklung profitiert.


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